Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt

 
- von Stadtarchivar Konrad Kern -

Patronat St. Mariä Himmelfahrt (15. August)
Oberbayern, Lkr. Mühldorf a. Inn, Erzdiözese München und Freising
 
Zwischen dem alten Innschiffer-Marktort Kraiburg am Inn und der jungen, 1950 gegründeten Industriestadt Waldkraiburg liegen die Dörfer Ebing, Pürten und St. Erasmus. Das Gebiet gehörte bis 1802 zum Pfleggericht Kraiburg. 1974 (Ebing und Pürten) und 1976 (St. Erasmus) schlossen sich die Orte im Zuge der Gemeindegebietsreform Waldkraiburg an. Seit 1992 sind die Pfarrei Pürten (mit Filiale St. Erasmus) und die Kuratie Ebing Teil des Pfarrverbandes Waldkraiburg. Vom frühen Mittelalter an gehörten alle drei Kirchen zur Erzdiözese Salzburg. Mit der Übertragung der kirchlichen Jurisdiktion auf das Generalvikariat Freising 1808 und der Gründung der Erzdiözese München-Freising 1821 gingen die über 1.000 Jahre alten Verbindungen zur Metropole Salzburg zu Ende.

 

Pürten leitet sich vom lateinischen Wort für Hafen „portus“ ab. 1993 fand man bei Kraiburg eine bedeutende Römersiedlung. Nachdem der Inn damals Grenze zwischen den Provinzen Raetia und Noricum war, ist ein römischer Ursprung Pürtens sehr wahrscheinlich.

 

Pürten als Grafensitz

Um 1050 schenkten der Isengaugraf Chadalhoch III. (zur Aribonen-Familie gehörig) und seine Gattin Irmingard (geb. Gräfin von Zütphen, Niederlande) all ihren Besitz in der Grafschaft dem Salzburger Erzbischof Balduin. Zum Nachlass gehörte u. a. auch der Herrenhof samt Eigenkapelle in Pürten. Der Bruder des Grafen, Pilgrim, damals Erzbischof von Köln, wird die Ehe, die vermutlich kinderlos blieb, vermittelt haben. Um 1070 verfügte die ihren Gatten überlebende Irmingard, dass die Kanoniker von Gars die Pürtener Pfarrrechte bekommen sollen. Die Gräfin hatte am Niederrhein eine Verwandte gleichen Namens, die als Heilige im Erzbistum Köln bis heute verehrt wird. Die Witwe Irmingard zog sich auf einen Gutshof in Au am Inn zurück und starb am 5. Februar 1075. Der Ort ihrer Bestattung ist in der Pürtener Kirche als Alta-Grab überliefert. In Au entstand 1122 (in Gars 1128) ein Augustiner-Chorherrenstift, das ab 1177 in Pürten die Seelsorge ausübte. Die beiden Chorherrenstifte Au und Gars stritten sich fast 30 Jahre um die Pürtener Pfarrei und deren Pfründe. Ein Schiedsspruch durch Papst Innozenz III. von 1204 beließ Pürten bei Au. Gars erhielt als Ersatz dafür die Pfarrei Stefanskirchen (Lkr. Mühldorf). So blieb es bis zur Säkularisation im März 1803.

 

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Ein europaweit einmaliger Kult

Nachdem die Gräfin Irmingard im Volk längst vergessen war, berichtet erstmals 1592 der Auer Propst Abraham Kronperger (1581-1593) von einem Wunder wirkenden Buch, das eine französische Königstochter namens Alta auf Weissagung der Gottesmutter Maria nach Pürten brachte. Alta bedeutet übersetzt „hohe Frau“. Das Buch ist ein spätkarolingisches Evangeliar (um 900), das der Reimser Domschreibschule zugeschrieben wird. Wann und wie dieser Kult begann, ist nicht überliefert. Dieses Heiltumsbuch wurde kopfkranken Pilgern vier Nächte hintereinander mit jeweils den illustrierten Anfangsseiten der Evangelien unter das Haupt gelegt. Dieser in Europa einmalige Kult ist im Pürtener Mirakelbuch von 1620 bis 1781 mit vielen Eintragungen dokumentiert. Auch nicht erfolgte Heilungen wurden niedergeschrieben. Die Hilfesuchenden kamen aus dem ganzen südostbayerischen Raum. Das Buch wurde gegen eine kleine Spende auch in die nähere Umgebung hin ausgeliehen. Im Januar 1805 gelangte die schwer beschädigte, wertvolle Handschrift in den Besitz der Staatsbibliothek München (Clm 5250). Aus Anlass des Eucharistischen Weltkongresses 1960 in München wurde das Buch letztmalig in einer Ausstellung gezeigt. Eine Kopie ist seit 2006 in der Sakristei verwahrt. In der Pariser Nationalbibliothek gibt es ein weiteres Werk, das vom selben Mönch und Schreiber mit Namen Framegaudus stammt (Latin 17.969).

Während die Kölner Irmingard ihren Festtag am 4. September hat, ist ein Alta-Gedenktag nicht überliefert. Auch eine offizielle kirchliche Bestätigung des Alta-Kultes erhielt die Wallfahrtskirche nie.

 

Ein imposanter Kirchenbau

Der älteste Teil des Baues, die Gnadenkapelle, stammt aus der Romanik und ist mit der 1050 erwähnten Kapelle identisch. Das hohe spätgotische, vierjochige Kirchenschiff, entstanden um 1400, setzt sich im leicht nach Süden geneigten Chor mit drei Jochen und einer Apsis mit Dreiachtelabschluss fort. Die Schräglage (80 cm) des Chorbaues soll das Haupt Christi am Kreuz symbolisieren. Das Fenster hinter dem Hochaltar ist zur Hälfte vermauert. Südl. des Langhauses fügt sich ein zweijochiges Seitenschiff an, welches im Osten mit einem schmiedeeisernen Tor geschmückt ist und das den Zugang zur Gnadenkapelle eröffnet. Im Westen des Langhauses schließt der Turm an, der in den ersten vier Geschossen romanisches Mauerwerk aufweist und am Fundament 1,45 m dick ist. Im Turmuhrgeschoss sind drei vermauerte romanische Fenster verborgen. Der Glockenstuhl ist gotisch. Er wird von einem Satteldach abgeschlossen (1796). Von den Glocken sind drei 1950 und eine 1925 gegossen worden. Eine fünfte Glocke von 1418 kann nicht mehr geläutet werden. Sie gilt als eine der ältesten Glocken im Erzbistum.

 

 

Das spätgotische Kielbogenportal ist mit einem Vorzeichen, das ein feingliedriges Gewölbe besitzt, geschützt. In der Fassade oberhalb davon sind zwei romanische Porträtköpfe eingelassen. Ob diese das Grafenehepaar Chadalhoch und Irmingard darstellen und zur Abwehr böser Geister gedacht waren, ist nicht bekannt. Auf gleicher Höhe ist weiter links ein Doppelkopf in Mauerwerk zu sehen. Nördl. des Chores befindet sich die sog. alte gotische Sakristei (mit Gewölbe), gegenüber davon südl. die neue barocke Sakristei. Von allen Gewölben wurden in der Barockzeit die Rippen abgeschlagen. An der südl. Sakristeitüre ist ein Schlüssellochschild mit einer seltenen Landsknecht-Darstellung angebracht (17. Jh.). Diese Sakristei hat ein Obergeschoss, das mit einem Balkon zur Chorraum hin verbunden ist. Im Westteil des Kirchenschiffs sind zwei Emporen übereinander eingebaut.

 

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Die Gemälde

Aus gotischer Zeit haben sich Apostelleuchterverzierungen erhalten. Ein gemaltes Sakramentshaus im Apsisbereich des Chores wurde bei der Renovierung 1993 entdeckt, aber wieder übertüncht. Im seitl. Durchbruch des Vorzeichens wurden 1959 Fragmente eines Totentanz-Gemäldes freigelegt. Hinter der Empore im Chor sind zwei Wappen des Grafen Wolf Dietrich von Toerring zu Stein und seiner Frau Margaretha Freifrau von Tannberg verewigt.

 

Zur Belehrung der Pilger wurde 1716 an der südl. Langhauswand ein Fresko der Alta-Legende gemalt. Es zeigt die selige Alta als Prinzessin im rot eingefassten Hermelin-Mantel - im Hintergrund rechts das Eselsgespann mit dem Sarg und links auf einer Anhöhe die Wallfahrtskirche Pürten. Im Bild ist eine Nische erkennbar, in der einst das Evangeliar der Überlieferung nach aufbewahrt worden sein soll. In einem Stuckrahmen oben steht „B. Alta“ (Benigna = Gütige), versehen mit den französischen Königslilien. Unter dem Wandbild ist folgender Text zu lesen:

„Alhie under Disen Eingefangnem grab Rhueet der Leib der seligen ALTA, ein gebohrne Khöngliche Tochter Auß FranckReich: Alß dise auf ein Zeit in einer schweren Khranckheit, die Muetter Gottes angerueffen, ist ihr von Der selben geoffenbahret worden, sye solte sich in das Bayerland, zu Unnser Lieben Frauen Gottshaus Pürthen genand. Führen lassen, mit Dem befelch, das wan sye under Wegen, sterben solte ihr Leib an Dem ienigen Orth, wo die MaulEslen würden still stehen, solte begrabn werden, nach deme sye nun, auf der Raiß gestorben seindt die Eselen mit ihren Leib den geraden Weg nacher Pürthen gangen. Alda still gestanden, und khaines wegs weither khönnen gebracht werden Woraus man angenommen das die Selige Junkhfrau Alda und an kheinen anderen Orth Rhueen wolle, so bald man sye zur Erdten bestettete, hat sye Alsobalden angefangen, Wunder zu würkhen solches bezeugt nit allein ihr Grab sonder auch ihr, mitgebrachen Wunderbuech, Durch welches vor schon etlich Hundert Jahren, bis auf heuntigen Tag, ser vill und grosse Wunder an denn betrüebten und anderen Leuthen gescheehen seindt und au noch geschehen. 1716.“

Direkt unterhalb des Schriftzugs ist im Mauerdurchbruch zur Gnadenkapelle hinter einem Rautengitter die liegende Figur der Alta mit dem Buch unter dem Kopf dargestellt.

Als Ergänzung dazu ist oben in den drei Südjochmauern ein Zyklus mit Bildern der Alta-Vita zu sehen. Im ersten Joch (beim Augustinusaltar) ist ihre Vision, im zweiten der Abschied von der Mutter, und im dritten Joch ihr Sterben dargestellt.

 

Diese kleinen Bilder sowie die ganze Malerei an Gewölben und Pilastern stammen von Johann Martin Seltenhorn (1727-1768). Er erhielt als junger Mann nach dem Besuch der Wiener Malakademie (1754-1756) 1757 hier den ersten Auftrag (Jahreszahl am Scheitel des Chorbogens). Diese Deckenbilder zählen zu den wertvollsten im Lkr. Mühldorf. Seltenhorn übernimmt Vorlagen des berühmten aus Südtirol stammenden Paul Troger (1698-1762). Das Fresco im Langhaus zeigt die Himmelfahrt Mariens. Fassungslos vor dem Wunder der Emporhebung des Marien-Leibes aus dem Grab, blicken die zwölf Apostel nach oben. Maria wird von der göttlichen Dreifaltigkeit erwartet. Engel bringen auf einem Schemel Mantel, Krone und Zepter dar. Das Gemälde wird flankiert von den vier abendländischen Kirchenvätern Ambrosius (Bienenkorb), Augustinus (Herz), Hieronymus (Kardinalshut) und Gregor (Tiara). Oberhalb der Orgelempore ist ein Engelskonzert dargestellt, welches wiederum von den Bildern des hl. Franz Xaver und eines Erzbischofs (vielleicht hl. Rupert von Salzburg) begleitet wird. Im Chorraum malte Seltenhorn das selten dargestellte Fest Mariä Vermählung (Gedenktag 23. Januar). Hier sind als Umrahmung die vier Evangelisten mit ihren Attributen zu sehen (Lukas mit Stier, Markus mit Löwe, Matthäus mit Engel, Johannes mit Adler). An der mittleren Stichkappe ist das Auer Klosterwappen und das des damaligen Propstes Patritius Zwick (1749-1761) angebracht. Der Gewölbegrund ist mit gemaltem Stuckdekor, Scheinkuppeln und Brokatgittern in verschiedenen Farbschattierungen ausgefüllt. An die marmorierten Pilaster sind Büsten der zwölf Apostel mit ihren Attributen gemalt. Im Seitenschiff schuf Seltenhorn die Anbetung der Hirten im Stall von Bethlehem. Der ein Ei haltende Hirte ist vermutlich ein Selbstporträt des Künstlers.

 

Den Stuck an den Kapitellen und an den Emporenbrüstungen modellierte der Kraiburger Bildhauer und Stuckateur Johann Philipp Wagner 1757. An der Empore im Chor ist folgende Inschrift angebracht.

„Die uralt weith und breith berühmte Wahlfahrth zu Porten Maria ist von Papst Alexander III. dem lobl. Stifte zu Au mit vollen rechte einverleibt worden den 30. april ao. 1177.“

Der Pürtener Pfarrvikar Albert Penner (1723-1779), der 1757 die Ausschmückung der Kirche in Auftrag gab, hatte auch andere dem Stift Au inkorporierte Gotteshäuser im Stil der Zeit verschönern lassen (z. B. Ampfing, Oberornau und Reichertsheim).

 

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Die Altäre

Der mächtige barocke Hochaltar entstand 1670. In der Mitte ist die Krönung Mariens durch die Dreifaltigkeit (einem spätgotischen Schreinaltar um 1500 entnommen) zu sehen. Interessant ist, dass Gottvater und Gottsohn gleichaltrig dargestellt sind. Zu beiden Seiten stehen die lebensgroßen Figuren der hl. Florian und Georg, im Auszug Erzengel Michael mit dem Schwert. Der feingliedrige Tabernakel zeigt an der Türe das letzte Abendmahl, darunter Weihrauchfässer schwingende Engel. Das barocke Werk gehörte bis 1960 zu einem anderen Altar. Er ersetzte einen Rokoko-Tabernakel, der in die Filialkirche von Lauterbach (Lkr. Mühldorf) kam und dort als Choraltar dient. Ganz oben am Altar ist das Auer Klosterwappen und das des Propstes Alexander Kaut (1651-1689) verewigt.

 

Zelebrationssaltar und Ambo wurden vom Rottenbucher Bildhauer Walter Grill zum Abschluss der zehn Jahre dauernden Gesamtrenovierung geschaffen und von Weihbischof Heinrich Graf von Soden-Fraunhofen 1999 geweiht.

 

Der nördl. Seitenaltar von 1688 ist der hl. Felizitas (23. November) und ihrer sieben Söhne Alexander, Felix, Januarius, Martial, Philipp, Silvanus und Vitalis (10. Juli) geweiht. Mutter und Söhne haben ihre jeweiligen Marterwerkzeuge bei sich. Die Auer Klosterkirche hat die hl. Felizitas und ihre Söhne als Patrone. Der Altar ist daher der bis heute sichtbarste Ausdruck der rund 600 Jahre dauernden Verbindung zwischen Kloster und Pfarrei. Diese Sonderstellung blieb auf Pürten beschränkt, denn in keiner anderen der über 20 Pfarr- und Nebenkirchen, die dem Kloster bis 1803 anvertraut waren, finden sich Hinweise auf die hl. Felizitas. Den Felizitas-Kult führt Au auf einen Reliquienschatz zurück, der ursprünglich seit dem 9. Jh. in Altötting verwahrt wurde. Die Heilige und ihre Söhne starben um 162 in Rom als Märtyrer. Oben im Auszug des Altares befindet sich eine Pietá-Plastik. Der Auer Klosterschreiner Johann Caspar Baldauf (1650-1724) ist als Bildhauer des Altares überliefert. Die Signatur auf der Altar-Rückseite mit dem Datum 17. Mai 1688 nennt Sebastian Junckher (Kraiburg) als Maler. Ein vergleichbarer Altar mit entsprechender Ikonografie steht in Köln (Pfarrkirche St. Maria in der Kupfergasse). Dort sind Salome und die sieben Makkabäer-Brüder ebenfalls figürlich dargestellt.

 

Der südl. Seitenaltar von 1684 stellt im Altarblatt oben die Krönung Mariens durch die hl. Dreifaltigkeit dar. Darunter ist in der Mitte der hl. Augustinus zu sehen. Ihn umgeben

(von rechts unten) die hll. Georg, Katharina, Vitus, Erasmus, Sebastian, Johannes der Täufer und Michael sowie (von links unten) Johannes Evangelist, Franz von Assisi, ein Bischof (ohne Attribut), Antonius von Padua, Joachim, Anna und Josef. Der Altar ist eine Stiftung des gräflichen Lehensverwalters Johann Grueber von Jettenbach und seiner Frau Juliane Niedermaierin, wie aus der Inschrift der Predella hervor geht. Bekrönt wird das Gemälde, dessen Schöpfer vermutlich Sebastian Junckher war, von einer Strahlenmonstranz, vor der Engel beten. Den Altar fertigte ebenfalls Joh. C. Baldauf. Die Grabplatte der Stifter ist unter der Kanzelstiege in die Wand eingelassen.

 

Zu dem überlebensgroßen, hochbarocken und ausdrucksstarken Kruzifix an der Nordwand des Chores gehörte früher auch ein kleiner Altar. Unter dem Kreuz befindet sich eine Schmerzensmadonna. An der Südwand im Chor stand bis 1959 auch ein prächtiger Rokokoaltar, der seither in der Filialkirche Fischbach bei Bad Tölz als  Hochaltar aufgestellt ist.

 

Die übrige Ausstattung

Als herausragendes Kunstwerk tritt die mit Gold und Schnitzerei überreich geschmückte Kanzel in den Blick. Am Kanzelkorb sind die Attribute der vier Evangelisten (siehe Deckenbilder im Chor) sowie ein Relief des hl. Augustinus angebracht. Ein Engel zieht den hölzernen Vorhang vom Treppenaufgang zurück, daneben die Gesetzestafeln. Der Schalldeckel ist mit einem Strahlenkranz, der Heilig-Geist-Taube und Quastenbehang nur angedeutet. Darüber erheben sich zum Gewölbe hin ein Engel mit Kelch, das Osterlamm, das auf einem Buch mit sieben Siegeln steht und das Auge Gottes. Die Kanzel wird Johann Philipp Wagner um 1775 zugeschrieben.

 

Aus einem spätgotischen Schreinaltar (Nordwand, Chor) haben sich vier Flügelreliefs mit Szenen aus dem Marienleben (Verkündigung, Heimsuchung, Geburt Jesu, Anbetung der Weisen) erhalten. Sie sind von einem barocken Rahmen eingefasst.

 

Die 14 schmuckvollen Kreuzwegtafeln, die beiden Halbfiguren (Johannes der Täufer und Joachim) vor dem Eingang zur Gnadenkapelle, Christus in der Rast und die Figurengruppe auf dem Deckel des Taufsteins sind alle aus der Barockzeit. Sehenswert ist am Eingang zur Kapelle noch ein Epitaph des Pürtener Pfarrvikars Dr. Johannes Augustin Rottmayr, der einer Salzburger Bürgersfamilie entstammte und hier 1674 starb. In der südl. Sakristei steht eine barocke Schrankverkleidung, um 1700. Die Orgel (1960) hat 14 Register und einen Freipfeifenprospekt.

 

Die Gnadenkapelle

Die Gnadenkapelle betritt man durch ein schmiedeeisernes eintüriges Gitter, welches zusammen mit der frühbarocken Stuckatur am Gewölbe 1628 auf Grund einer Stiftung des Sohnes von Herzog Wilhelm V. (der Fromme), Albrecht der Leuchtenberger (1584-1666), entstand. Albrecht (jüngster Bruder von Kurfürst Maximilian I.) hatte Pürten mehrmals als Pilger besucht. In den Stuckrahmen steht:

„Du Zuflucht der Sünder, Unsere Hoffnung, Unsere Herrin, Maria unsere Fürsprecherin, Du Heyl der Kranken“.

Am Gitter oben sind das kurbayerische und das Wappen des Auer Propstes Patritius Zwick sowie die römischen Jahreszahlen 1177 und 1628 angebracht.

 

Sofort fällt dem Besucher der überaus prunkvolle Gnadenaltar ins Auge. Der Altar, entstanden 1693, birgt, flankiert von zwölf gedrehten Säulen, das Gnadenbild „Sancta Maria speciosa ad portam“. Der Schöpfer ist der berühmte Meister von Seeon, den die neuere Forschung als Hans Paldauf aus Mühldorf a. Inn erkennt. Die Pürtener Madonna datiert die Kunstgeschichte auf das Jahr 1427. Weitere Werke desselben Künstlers sind in Mühldorf a. Inn (sog. Taufkirchener Madonna), in Ranoldsberg (Lkr. Mühldorf) oder Weildorf (Lkr. Traunstein) zu finden. Das berühmteste Werk, die Seeoner Madonna, ist im Bayerischen Nationalmuseum in München. Krone, Zepter und Fassung der Pürtener Madonna sind um 1800 entstanden. Im oberen Bereich des Altars sind St. Josef (Lilie und Herz haltend) und zwei Engel dargestellt. Unterhalb des Gnadenbildes sind in einem Glasschrein in Klosterarbeiten gefasste Reliquien der Alta verwahrt (tatsächlich Gebeine der Gräfin Irmingard). Zum Altar wurde 1693 eine Josefs-Bruderschaft zur Erlangung einer guten Sterbestunde gegründet, welche bis ins 20. Jh. fortbestand. Das Gnadenbild aus Lindenholz will den Kirchenbesuchern eine frohe Botschaft vermitteln:

Maria als Himmelskönigin, von der Sonne umgeben und den Mond unter ihren Füßen, ist die neue Eva, die auf ihrem Arm den göttlichen Sohn als Heiland und Erlöser zeigt. Der Apfel in der Hand des Jesus-Knaben weist auf den Sündenfall von Adam und Eva hin. Gleichzeitig steht die Paradies-Frucht als Weltkugel auch für die sündigen Menschen, die durch Christus Erlösung hoffen dürfen. Unter der Mondsichel schaut Adam hervor, welcher das Heil schaut.

 

Zeugnisse der Wallfahrt

Sehr beachtenswert sind die 20 Votivtafeln aus den Jahren 1660 bis 1924. Sie zeigen  neben den Votanten, die Pürtener Madonna und zumeist auch die selige Alta und das Heiltumsbuch. Viele Votivtafeln sind Anfang des 20. Jhs. verloren gegangen. In der volkskundlichen Sammlung des Wasserburger Arztes Dr. Erwin Richter, verwahrt im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, sind zwei Tafeln von 1720 und 1835 erhalten geblieben.

In extra angefertigten Glasvitrinen vor der Kapelle stehen drei kostbare Wachsfiguren, die jeweils in Lebensgröße und -Gewicht betende Pilger darstellen. Auf Grund eines Mirakelbucheintrages vom 25. Januar 1687 wissen wir, dass die männliche Figur den Bauern Georg Schweiberer aus der Pfarrei Niederbergkirchen (Lkr. Mühldorf) darstellt. Die Namen der höfisch gekleideten Frau und des Kindes sind nicht bekannt. Wachsfiguren dieser Größe und Qualität sind äußerst selten in Europa. Meistens wurden diese für Kerzen eingeschmolzen.

 

Friedhofskapelle St. Michael

Die spätgotische, dreijochige Kapelle (Baujahr 1572 ist nicht gesichert) besitzt einen Altar aus Stuck, um 1780. Auch dieses schöne und seltene Werk wird Johann Philipp Wagner zugeschrieben. Es zeigt in der Mitte eine Pietá und seitlich davon die hll. Johannes Evangelist und Nikolaus, Bischof von Myra. Oben ist ein Schriftband zu sehen („Amor mevs crucifixvs est“ = Meine Liebe ist gekreuzigt).

 

Das Innere wird von drei Rundbogenfenstern und drei kleinen kreisrunden Fenstern erleuchtet. An den Wänden sind Reste von Pilgerinschriften erhalten (1634, 1655, 1699). Sehenswert ist ebenso ein Abendmahlsbild das 1666 gestiftet wurde. Die Inschrift lautet:

„Gott Dem Allmechtigen Dan Der Allhailigsten ibergebenedeitisten Junckhfrauen Und Muetter Gottes Maria zu Lob und Ehr Allen Christglaubigen Sellen zu Hilf und Trost Hat der Ehrnhaft Franciscus Baumgartner Burger und Lederer In Crayburg Juliana sein Eliche Hausfrauw dise Daffel hieher vir baiderseitz fraindtschaffen malen lasen das sie zu disem himlischen AbendMall Ein geladen werden Amen 1666

Im barocken Turm befanden sich früher zwei Glöckchen.

 

Das Pfarrhaus entstand im 17. Jh. Bis zur Säkularisation des Augustiner-Chorherrenstifts Au am Inn am 19. März 1803 sind namentlich 31 Pfarrvikare überliefert. Die seit 1805 eigenständige Pfarrei wurde von insgesamt 18 Pfarrern betreut, von denen acht im Pürtener Friedhof ihre ewige Ruhe fanden. Der letzte Pürtener Pfarrer Joseph Jammers verstarb 1987. Der Friedhof wurde gegen Norden 1960 erweitert. Vorher standen dort landwirtschaftliche Gebäude.

 

Neben den beiden Kirchenverwaltungen und dem Pfarrgemeinderat bereichern seit 1912 der kath. Burschenverein und die Jungfrauenkongregation (1970 als Kath. Landjugendgruppe neu gegründet) sowie seit 1978 eine Ortsgruppe des Kath. Frauenbund das Pfarrleben. Zur Pfarrei gehören ca. 1.200 Gläubige.

 

 

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